10. Augustenthaler Köhlerfest

chwele, schwele, brenne nicht! Sonst verlierst du dein Gesicht!..." Mit kraftvoller Stimme zitierte Julia Sauerteig Freitagabend den so beginnenden Entfachungsspruch. Überm Talgrund hing da schon tiefe Dämmerung. Und es regnete noch immer, als „Meng-Hämms“ neue „Köhlerliesel“ ihren ersten großen Auftritt hatte. Adressat ihres Spruchs war der in diesem der Jahr ungefähr 3,20 Meter hohe Meiler, nur ein Dutzend Schritte von der jungen Frau am Mikrofon entfernt aufragte. Vor diesem ging darauf Christine Zitzmann, zum wiederholten Male Schirmherrin des Augustenthaler Köhlerfestes auf einem samtgrünem Stück Auslegware zunächst tief in die Knie – und dann sogar ganz zu Boden!
Dieser freiwillige "Kniefall" der Sonneberger Landrätin und das, was ihm folgte hatte allerdings keinerlei politischen, sondern lediglich einen praktischen Hintergrund: Denn nur im Liegen hat man – als potenzielle "Entfacherin" – den nötigen Blickwinkel in den Zünd-Gang im Meiler-Fuß.
Durch genau diesen muss die etwa fünf Meter lange Zündstange bis ins Innere des Meilers eingeführt werden. Birkenbast vorn an der Stange und an den Zündkanal-Rändern sollen das In-Brand-Setzen befördern. "Zuerst brennt der Meiler von unten nach oben, später dann von oben nach unten", weiß Hobby-Köhler Hans Georg Lenk. Der hatte auch dieses Jahr wieder den (typisch köhlerschwarzen) Hut auf beim Meiler-Bau, der bereits vor 14 Tagen begann.

10. Augustenthaler Köhlerfest

Wie schon in jedem vorherigen Jahr wurde im Meiler auf dem Platz oberhalb der Schauköhlerei des Geschichts- und Köhlervereins im Augustenthal nur Buchenholz deponiert, gute 40 Festmeter. Aber man darf unterstellen, dass sich Lenk und seine Gehilfen – darunter auch sein Sohn Sven – diesmal beim Meiler-Errichten besondere Mühe gegeben haben. Schließlich handelte es sich beim Meiler von 2008 ja um einen Jubiläumsmeiler! Denn es war bereits das zehnte Mal, dass am verflossenen Wochenende Augustenthaler Köhlerfest gefeiert wurde. Alles sollte diesmal deswegen auch ein bisschen anders sein bei diesem großen, vom Publikum in den letzten Jahren mit stetig wachsender Begeisterung angenommenen Fest – wegen des Jubiläums. So zumindest hatte man es geplant. Letztendlich wurde dann tatsächlich Manches ganz anders als in voran gegangenen Jahren – aber keineswegs wie geplant.
Die festeinleitende Hauptveränderung: Statt des üblichen Kinderfackelzugs sollten in diesem Jahr Hunderte Mitglieder befreundeter Vereine von Hämmern herauf ziehen, um dem Jubelfest schon einen würdigen Start zu geben. Zudem waren gleich drei Kapellen – aus Schalkau, aus Oberlind und aus Stockheim – engagiert worden, damit dem großen Festumzug nicht die Musik ausgehe. Aber „der Himmel“ wollte es anders.
Nachdem es anderthalb Stunden vor Festzugsbeginn zu regnen begonnen hatte, hörte es einfach nicht mehr auf. Entnervt ließ Vereinsvorsitzender Kurt Jacob darauf den Umzug kurzfristig abblasen. Busse und Pkws brachten stattdessen dessen Akteure schnell – und vor allem trocken – hinauf ans Forsthaus Augustenthal, wo der Wirt und einige seiner Gäste den missglückten Feststart bereits ehrlich bedauert hatten.

10. Augustenthaler Köhlerfest

Statt wehender Fahnen, im Spätabendlicht glänzender Trachten und Uniformen, jauchzender Kinderstimmen und winkender Flößer, Köhler und Bergleute startete nun im brechend vollen Festzelt ein improvisiertes Konzertieren der Stockheimer und Oberlinder Musiker. Die hatten alle ein gemeinsames Problem, welches ein Mitglied des Oberlinder Blasorchesters so beschrieb: "Wir waren – wegen des Umzugs – ganz auf Marschmusik eingestellt und einmal an Weggefährten der erste haben nur die entsprechenden Noten dabei. Unser reguläres Platzkonzert im Zelt war ja auch erst Sonntagnachmittag geplant. Nun müssen wir halt improvisieren. Den Musikern der anderen Kapellen geht es auch nicht anders.“ Und dennoch wärmte das, was da in Folge die Bergmannskapelle aus dem oberfränkischen Stockheim (Landkreis Kronach) und die Oberlinder Blasmusiker – im Wechsel – an Live-Klängen von sich gaben die Herzen der zahlreichen, im Zelt vor dem Dauerregen Schutz Suchenden sichtlich.
"Das können wir doch auch!"

10. Augustenthaler Köhlerfest

War auch der Festumzug so plötzlich und unerwartet "gestorben", so war es das Meiler-Entfachen keineswegs. Schließlich macht so ein bisschen Dauerregen einem solide errichteten Erdmeiler überhaupt nichts aus. Von der Nässe kann kaum etwas ins Meilerinnere dringen. "Im Gegenteil. Wir haben noch einige Stunden vor Regen-Beginn die trockenen Außenwände des Meilers per Schlauch mit Wasser bespritzt, damit sie nicht so stauben“, berichtete Hans-Georg Lenk.
Als die feierliche Stunde des Meiler-Entfachens und damit auch der Jubelfest-Eröffnung schließlich heran war, triefte im Augustenthaler Talgrund zwar immer noch alles vor Nässe, aber es hatten sich trotzdem etliche Leute eingefunden. Bürgermeister Jürgen Köpper eröffnete, wegen des anhaltenden Regens vom ursprünglichen Fest-Initiator Kurt Jacob bestens beschirmt, das Jubelfest offiziell, begrüßte die Ehrengäste, würdigte die hohe Bedeutung dieses Festes für die Kommune und insbesondere die Leistung Jacobs, der erst kürzlich seinen 72. Geburtstag feierte. Köpper charakterisierte zudem das Fest als etwas, „das heute glücklicherweise nichts mehr mit der Einsamkeit der Köhler von einst gemein hat“ und wünschte dem Meiler und den Fest-Teilnehmern schließend "Gut Brand!".
Gleichzeitig verabschiedete er, gemeinsam mit Landrätin Zitzmann, die 1. Augustenthaler "Köhler-Liesl" Barbara Göhring. Herzlich begrüßt wurde ihre Nachfolgerin Julia Sauerteig, übrigens eine Enkelin von Köppers Amtsvorgänger Hans-Joachim Sauerteig. Der hatte – so Jacob – einst beim Besuch eines der ersten Köhlerfeste im erzgebirgischen Sosa (Sachsen) voller Überzeugung erklärt: „Was die können, das können wir auch!“
Ein dreifaches "Gut Brand!"

10. Augustenthaler Köhlerfest

Und tatsächlich: Bald hiernach hatte auch das Augustenthaler Köhlerfest Premiere, organisiert vom auf Initiative Jacobs gebildeten Geschichts- und Köhlerverein Mengersgereuth-Hämmern mit Hilfe der Gemeinde und anderer ortsansässiger Vereine. Der Gastgeber-Verein brachte sich alsbald auch engagiert in den Europäischen Köhlerverein (Sitz: Sosa) ein. So verwunderte es nicht, dass zum Jubiläum der „Meng-Hämmer“ Hobby-Köhler wiederum auch Heinz Sprengel aus Schneeberg – der Präsident jenes, mittlerweile rund 1000 Köhler aus sieben Staaten vereinigenden Vereins – vor Ort war. Der ehemalige Lehrer, der dann selbst noch durch die Lehre erzgebirgischer Köhler-Veteranen ging und zum festlichen Anlass im Aufzug eines erzgebirgischen Köhlers von anno 1719 erschien – verwies insbesondere darauf, dass zu diesem Jubiläum auch rund 50 Köhler und Bergleute aus dem Freistaat Sachsen im Augustenthal erschienen waren. Er würdigte zudem die Einmaligkeit der vom hiesigen Verein geschaffenen Lokalität, die mittlerweile das offizielle Zentrum der Köhler-Brauchtumspflege in Thüringen verkörpert. Und noch einmal gab es aus seinen Händen – wie schon vor Jahren – ein Ehrenschild für die mittlerweile bereits historische Meilerstätte vor Ort. Sprengel: „Das erste derartige Ehrenschild bekam unser Bundespräsident Horst Köhler, der ja unsere Berufsbezeichnung als Nachnamen führt. Das zweite bekommt ihr.“ Da brandete Applaus auf und ein dreifaches "Gut Brand!" schallte durch den lang gezogenen Talgrund.

10. Augustenthaler Köhlerfest

Kurt Jacob, Vorsitzender des Geschichts- und Köhlervereins von Anfang an, nutzte Anlass und Gelegenheit, um an Weggefährten der ersten Stunde zu erinnern – "auch an jene, die schon nicht mehr unter uns sind". Insbesondere freue ihn, dass zum Jubiläum auch an die 40 Köhler aus zehn Vereinen erschienen. Ansonsten merkte man ihm – dem akribischen Planer der Köhlerfeste – an, dass er trotz des kurzfristig abgeblasenen Festumzugs, sich bezüglich dieses Mankos als auch für alles noch auf ihn Zukommende an dem Satz orientierte, den Freitagabend Landrätin Zitzmann zitierte und der da lautete: "Wir sind tapfer genug, um das durchzustehen!"
Das sich an die Eröffnung anschließende Fest hatte dann – dank seiner vielen attraktiven und manchmal auch lautstarken Höhepunkte – tatsächlich mit der Waldeinsamkeit der Köhler von einst nicht mehr viel zu tun. Ein bisschen von letzterer hat sich aber dennoch erhalten. Zumindest für die aktiven Mitglieder des Gastgeber-Vereins. Denn nachdem Landrätin Zitzmann den Meiler routiniert in Brand setzte und als Erstes der weiße Rauch des verdampfenden Wasserstoffs aus dessen Spitze entwich, müssen diese nun an dem, vor sich hin kokelnden Meiler auch Nachtwache schieben. Denn im Regelfall braucht er zehn bis 14 Tage, bis die frische Holzkohle geerntet werden kann. Hobby-Köhler Hans-Georg Lenk schätzt, dass diesmal letztendlich an die drei bis vier Tonnen rauskommen dürften. Nun, die qualitätsmäßig hervorragende Holzkohle aus dem Augustenthaler Meiler wird von manchem schon sehnlichst erwartet, denn die vom letzten Jahr ist schon längst ausverkauft.

Quelle: Freies Wort - Stefan Löffler

Die Freunde der Thüringer Bratwurst waren zur Entzündung des Meilers am Freitag und zum Marktag am Sonntag zur Stelle um zu gratulieren und mit dem Vereinsstand Informationen rund um die Bratwurst unter das Volk zu bringen. Das Bratwurstdiplom wurde von vielen Besuchern abgelegt, darunter auch das neue Köhlerliesl Julia Sauerteig.

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